Anonymer Fragebogen, bitte Name einfügen

Wer den luxemburgischen Sekundarunterricht besucht und am Ende das Abitur schreibt lernt diesen Mythos kennen: Die Abiturprüfungen sind anonym. Ich finde damit sollte man mal aufräumen.

Punkt acht Uhr tickt die Zeit für die Abituraufgaben für tausende Sekundarschüler im ganzen Land, entscheidende Prüfungen, nicht nur für das Jahr, sondern fürs Leben. Sicherheitshalber dürfen keine eigenen Blätter ins Examen mitgebracht werden, man schreibt auf offizielles Papier. Auf diesem füllt man Name und Geburtsdatum aus und überklebt es mit einer leicht zu entfernenden Ecke des selben Papiers. Interessanterweise gibt man für alle Korrektoren sichtbar die eigene Registriernummer (numéro d’ordre) an, durch die man erfährt um welches Lyzeum, um welche Klasse und um welche Platzierung es sich im Alphabet handelt (Beispiel: „LGL E2-25“) : Alles Daten für deren Beschaffung es im Luxemburg der kurzen Kommunikationswege und der interschulischen Bekanntschaften keiner besonders großer Anstrengung bedarf. Irgendwie scheint die Logik überirdisch: Während des Examens patrouillieren Lehrer und behalten jeden Schüler im Auge, Banknachbarn schreiben unterschiedliche Fächer oder sind mit drei Meter Abstand getrennt, des Weiteren sind Mobiltelefon, Uhren mit Display und der Toilettenbesuch ohne Begleitung strengstens verboten; doch die Bestimmung ein Examen anonym zu abgeben zu können ist mit der Genauigkeit der Wächter im Luxemburger Gefängnis vergleichbar.

Die Idee dass Abschlussexamen anonym abgegeben und korrigiert werden sollen hat gute Gründe, die sich mit den Gründen für eine doppelte Korrektur bei den Prüfungen während des Semesters überschneiden: Um Interessenkonflikte zu vermeiden. Dieses Argument wird öfters in den Wind geschlagen, immerhin lässt es sich bequem behaupten dass die, die weder auffällig durch ihr Verhalten noch durch andere kontroverse öffentliche Aktivitäten sind, ja nichts zu befürchten haben. Für die erste Aussage lässt sich leicht der Unterschied zwischen disziplinarischen Maßnahmen und Bewertung ziehen, der ebenso leichtfällig von Zweit- und Drittkorrekturen bestätigt wird. Für die zweite Aussage zeichnet sich für mich die berühmte „Schere im Kopf“ auf: Wenn ich mich dazu entscheide einen Artikel X nicht zu veröffentlichen, oder nicht als Kandidat an Wahlen teil zu nehmen, laufe ich nicht die Gefahr einem Korrektor aufzufallen, bzw. zu missfallen. Doch ich mag keine Zensur, besonders nicht wenn es um meine eigene Meinung geht.

Erwarte ich dass Lehrer neutral der Person gegenüberstehen, deren Zukunft sie mitentscheiden? Nein, diese (hohe) Erwartung wurde hingegen auch nie gestellt, denn gerade deshalb gibt es ja die verschiedenen Maßnahmen fürs Abitur. Was ich erwarte ist dass Abiturprüfungen anonym sind. Also… ich meine diesmal wirklich.

Unterzeichnet,
Bll Wrtz

About Bill Wirtz

My name is Bill, I'm from Luxembourg and I write about the virtues of a free society. I favour individual and economic freedom and I believe in the capabilities people can develop when they have to take their own responsibilities.

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