Merci Fieldgen!

Ab dem nächsten Schuljahr bietet die École Privée Fieldgen in Luxemburg-Stadt auf der 7e des Enseignement classique die Fächer Geographie, Sciences naturelles und Geschichte in zwei Sprachen – Deutsch und Französisch – an (Bericht RTL Radio). Das Projekt “Babel” soll dann bis zur 5e weiter laufen. Schüler bekommen damit die freie Wahl in welcher Sprache sie das jeweilige Fach erlernen möchten: Ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Babel

Das luxemburgische Schulsystem legt überproportional viel Wert auf ein hohes Sprachenniveau, Deutsch und Französisch werden werden dabei nicht nur anstatt als Fremdsprache als Muttsprache unterrichtet, sondern dienen als Unterrichtssprachen für Nebenfächer wie Biologie oder Geschichte: Ein Umstand der vielen Schülern im System große Schwierigkeiten bereitet. Welche enorme Rolle die Sprachenkenntnisse spielen ist nicht nur eine empirische Analyse, sondern auch an der “Faculty of Language and Literature, Humanities Art and Education” der Universität Luxemburg öfters Grund für Recherche war, besonders für Prof. Sabine Krolak-Schwerdt, deren Recherchen für den Fond national de la recherche seit 2009, respektive 2011 im Gange sind. Ich hatte die Gelegenheit in einer Sitzung des Bildungsrates (Conseil supérieur de l’éducation nationale) die bisherigen Resultate vorgestellt zu bekommen, die aufzeigten das besonders die Kenntnisse im Französischen eine enorme Rolle bei den Übergangsentscheidungen spielen.
Neben der wissenschaftlichen Analyse gibt es auch politischen Forderungen: Die DP fordert im Wahlprogramm 2013

DP_LV

und die Grünen im selben Jahr:

LV_dG
Auch im Koalitionsabkommen finden sich Anhaltspunkte zum Thema Unterrichtssprachen

LV_PG
Letzlich hatte auch der Bildungsrat im März 2013 in einer Stellungnahme ans Bildungsministerium die Öffnung für ein breites Spektrum an Fächern gefordert. Das Dokument ist nicht geheim, trotzdem ist es nicht online zugänglich, ich habe es deshalb hier hochgeladen.
Die Unterstützung für das Prinzip ist demnach breit gefächert, doch woran scheitert es, bzw. welche Gegenstimmen gibt es? Kritisiert wird oft dass es schwer umsetzbar sei, da man die Klassen nach zwei Sprachen aufteilen müsste. Das Argument scheitert an der Realität: Auch bisher gab es bereits Aufteilung (Moderne/Classique, Religion/Ethik, Cours à option, etc.). Dazu meint auch Renelde Urbain, Direktorin der EPF im gleichen RTL-Interview:

“Dat ass eng breed Offer. Organisatoresch muss een sech dat sou virstellen, wéi wann een an enger Klass “Moderne” an “Classique” huet, dat heescht mir loossen d’Klassen gemixt, mir maachen keng extra Klassen wou déi Schülerinnen dran kommen déi d’Franséischt wielen an déi aner déi d’Däitscht wielen fir déi Fächer, mee si wäerten just punktuell wann se déi Fächer hunn getrennt ginn an een däitschen Grupp an an een francophone Grupp.”

Hier kommen wir also zum eigentlichen Problem der Sache: Die freie Wahl der Unterrichtssprache scheitert weder an der Umsetzung, noch am Willen der politischen Verantwortlichen und Berater. Die freie Wahl der “langue véhiculaire” scheitert an den Lehrern, und dabei besonders an der Lehrer der Sprachenfächer. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Ich habe in den Artikeln die ich bisher verfasst habe in verschiedenen Stellen Werbung für das Konzept gemacht, und mich in den Gremien denen ich angehör(t)e für die Umsetzung stark gemacht. Klar wurde dabei dass Lehrerverbände generell entweder skeptisch oder gegen das Konzept waren (im Bildungsrat im März 2013 hatte sich das SEW enthalten), da für sie die Fächer der Wissenschaften der verlängerte Arm der Sprachen sind, das heißt sie dienen zwar in erster Linie dem eigentlichen Fach, haben aber als fast equivalenten Wert die Unterrichtung der Sprache.

Ich sage aber: Wer die Fächer der Wissenschaften für die Zwecke des Sprachenunterrichts missbraucht, dem ergeben sich zwei wichtige negative Konsequenzen. Eine davon ist die dass Schüler die ein Interesse an die jeweiligen finden, sich durch den Wechsel auf eine ihnen weniger liegende Sprache entmutigen lassen, oder dass ihre Schwäche in der Verwendung des Deutschen respektive des Französischen ihnen in einem Wissenschaftsfach – dessen eigentliches Ziel die Unterrichtung der Wissenschaft sein sollte – zum Verhängnis wird. Die zweite negative Konsequenz ist das Bild des Sprachenunterrichts: Die Schüler des Sekundarunterrichts verwenden zu Beginn ihrer Laufbahn mehr als jede fünfte Stunde mit entweder Deutsch oder Französisch (26,6 % der Stunden bei jeweils 4 Stunden auf ein Wochenpensum von 30 Stunden [ohne eventuelle Zusatzstunde für Latein ab der 6e]). Erreichen es die beiden Sprachenfächer nicht in der gegebenen Zeit (mind. 12 Jahre für Deutsch und mind. 10 Jahre für Französisch [abhängig von der Wahl der “Section”]) den Schülern anständige kommunikative sowie Lese- und Schreibkompetenzen anzueignen, so sind es auch nicht die Wissenschaftsfächer die das Problem lösen werden.

Man wolle den Schüler lediglich helfen indem man das System nochmals vereinfache, kritisierte Françoise Bruck vun der intergewerkschaftlichen DNL in einem Forum-Beitrag im Tageblatt im Mai 2013 (den man auch hier nachlesen kann, und den ich in einem eigenen Beitrag beantwortet habe). Wörtlich:

“Die Schule entlässt die Schüler jedoch in eine Leistungsgesellschaft, muss ihnen also auch Leistungsbereitschaft und Lust an Leistung vermitteln. Dass das nicht immer reibungslos verläuft, dass man dadurch vielleicht Streit riskiert, ist Teil des Prozesses des Erwachsenwerdens der Schüler. Dem entgehen zu wollen, indem man die Schwierigkeiten beseitigt, wäre jedoch unverantwortlich in Bezug auf die Zukunft des Schülers.”

Auch wenn der sogenannte Prozess des “Nivellement vers le bas” ernst zu nehmend ist (besonders im Enseignement fondamental), halte ich es für abwegig dieses Argument hier anzubringen. Vereinfacht würde hier jediglich die Kommunikationsmethode, mit der die Schüler die verschiedenen Wissenschaften erlernen. Außerdem stellt sich die Frage wem das aktuelle System eigentlich hilft, und in welcher Logik es sich bewegt. In der Schülerbevölkerung des Jahres 1970 erschien die Aufteilung in “7e-5e auf Deutsch/4e-1ère auf Französisch” möglicherweise auch vernünftiger, doch besonders mit dem gewachsenen Ausländer-Anteil, und der damit verbundenen Veränderung der Sprachensituationen der Schülerbevölkerung können wir nicht beim Status quo verbleiben. Hinzu kommt dass besonders in Zeiten in denen weniger Schüler heutige Nebenfächer als späteres Studium wählen, das Interesse geweckt gehört.

Irgendwie habe ich eine Vorahnung wieso im Privatlyzeum EPF das Projekt schneller umgesetzt wurde, als es im öffentlichen System diskutiert wird. Aber bitte, die Überlegung können sie sich nach dem Beitrag auch selbst machen. Schwer ist’s nicht.

About Bill Wirtz

My name is Bill, I'm from Luxembourg and I write about the virtues of a free society. I favour individual and economic freedom and I believe in the capabilities people can develop when they have to take their own responsibilities.

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