[Yes You Can] Die Online-Hühnchen

Dieser Artikel wurde für die luxemburgische Tageszeitung “Lëtzebuerger Journal” geschrieben. In der “Yes You Can”-Rubrik werden luxemburgische Unternehmer interviewed, die Start-Ups betreiben. (Text in veränderter Form im Print)

Tom Jungblut ist ein junger Landwirt auf dem “Heederhaff” in Kontern, der sich vor vier Jahren dazu entschied selbstständig zu werden. Nachdem er seinen eigenen Laden auf dem Hof eröffnet hat, ist Poulet.lu nun sein neues Projekt.

Wie kam die Idee für Poulet.lu?

TOM JUNGBLUT Die Idee von Poulet.lu war ein Hähnchen auf den Markt zu bringen das den Vorwürfen der Gesellschaft in Sachen Massentierhaltung entgegen kommt. Bei unserem Konzept mästen wir 300 bis 350 Hühnchen in einem Gebäude, was im Vergleich zur industriellen Mast, wo man bei bis zu 45.000 liegt, eine sehr große Alternative darstellt. Natürlich sorgt die weitaus geringe Stückzahl dafür dass unser Preis höher ist als der der Konkurrenz.

Wie funktioniert die Webseite?

TOM JUNGBLUT Wer auf Poulet.lu auf “Bestellung” klickt sieht sofort ein freigeschaltetes Datum, das zwei Wochen in der Zukunft liegt: Das ist unser Lieferdatum für das Hähnchen. Nachdem man seine Kontaktdaten angibt, sucht man sich dann einen der acht Abholorten in  Munsbach, Oberpallen, Larochette, Mersch, Kontern, Cruchten, Bastendorf oder Junglinster aus. Man bekommt nicht sofort eine Bestätigungs-Email, da wir uns zuerst versichern dass wir auch zu diesem Datum liefern können. Seit September haben wir auch eine Partnerschaft mit Cactus, weshalb unsere Stückzahl gestiegen ist und wir einmal die Woche anstatt einmal im Monat schlachten. Im Cactus werden diese allerdings unter den Namen “En Poulet vum Lëtzebuerger Bauer” verkauft

Wer ist Poulet.lu?

TOM JUNGBLUT Wir bestehen aus fünf Unternehmen. Anfänglich waren es vier Gründer: Bob Kees vom “Meyrishaff”, Martin Losch, Marc Denzer, den man vielleicht von “A Guddesch” schon kennt, und ich selbst. Neu dabei ist die Familie Hemmer vom “Hemmerhaff in Operpallen.

Wie läuft das Projekt bisher?

TOM JUNGBLUT Poulet.lu gibt es seit 2016. Wie bei jedem neuen Unternehmen startet man immer langsam. Nachdem die Webseite aber mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen hat ist unsere Nachfrage allerdings sehr gestiegen, was dazu führt dass wir heute im Schnitt monatlich zwischen 700 und 900 Hühnchen verkaufen. Die Partnerschaft mit Cactus hat die Zahlen natürlich noch weiter verbessert. Die Resonanz bei der Kundschaft ist sehr gut. Verschiedene Kunden sind skeptisch wegen dem Preis. Dazu muss ich sagen dass wir uns keineswegs mit diesem Unternehmen die Taschen voll stopfen. Aufgrund der geringen Stückzahl sind die Fixkosten proportional weitaus höher.

Warum kann man nicht einfach in Luxemburg schlachten?

TOM JUNGBLUT Wir haben uns diese Frage anfänglich auch lange gestellt, kamen aber zum Schluss dass es nicht machbar ist. Die Stückzahl bei Schlachthäusern ist so enorm dass man das in Luxemburg nicht kosteneffizient machen kann. Wir reden hier von bis zu 40.000 Schlachtungen am Tag, an dann wüsste man noch immer nicht ob es kostendeckend wäre.

Was mach ich wenn mein Produkt nicht wie versprochen ist?

TOM JUNGBLUT Das Problem eines jeden Unternehmers ist dass Kunden ein Problem mit dem Produkt haben und anstelle sich zu beschweren nicht mehr zurück kommen. Seit es per Email, Telefon oder auf sozialen Medien: Wir legen großen Wert auf Feedback. Beim geringsten Problem ersetzen wir das Produkt

Wie anstrengend ist diese Unternehmertum?

TOM JUNGBLUT Unser Unternehmertum ist ganz anders als Andere, da wir Lebendigem zu tun haben. Es muss immer jemand da sein: Hähnchen kennen keine Ferien oder Feiertage.

Was müssen Verbraucher ihrer Meinung nach wissen?

TOM JUNGBLUT Ein Industrie-Hühnchen lebt in anderen Verhältnissen als die auf unseren Höfen. Nicht nur ist unsere Stückzahl hundertfach geringer, sondern unsere Mastzeit ist auch länger. Industriell wird heute zwischen 27 und 33 Tage lang gemästet, während es bei uns 56 Tage sind. Deshalb sind unsere Hähnchen auch entwickelter.  Wir betreiben konventionelle Agrikultur, doch man muss auch über Bio-Hühnchen wissen dass sie auch auf großen Flächen gehalten werden. Bei uns weiß der Verbraucher sicher: Eine langsame Mast für qualitativ hochwertiges Fleisch. Wir sind außerdem einem anderen Druck ausgesetzt: Wir sind keine anonymen Produzenten. Wir stehen mit unserem Namen hinter unserem Produkt, und geben uns deshalb besonders Mühe.

Verbraucher müssen auch verstehen dass der Haltung der Tiere nicht von großen Unternehmen vorgegeben wird, sonder vun ihrer Kundschaft. Zu viele Verbraucher wählen Preis über Qualität, und um der Nachfrage nachzukommen wird Massentierhaltung vielerorts zum Muss. In der Diskussion über welche Landwirtschaft wir in Zukunft wollen muss der Verbraucher mit am Tisch sitzen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Realität der Tierhaltung und den Kinderbuchvorstellung vieler Verbraucher. Wir sind bereit anders zu produzieren, aber dafür muss der Verbraucher uns entgegen kommen.

About Bill Wirtz

My name is Bill, I'm from Luxembourg and I write about the virtues of a free society. I favour individual and economic freedom and I believe in the capabilities people can develop when they have to take their own responsibilities.

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