Das 300-Mann Fürstentum

Dieser Artikel wurde für die luxemburgische Tageszeitung “Lëtzebuerger Journal” geschrieben, und wurde in der Rubrik “Reportage” veröffentlicht. Text in veränderter Form im Print)

Seborga, ein Dorf mit 320 Einwohnern, liegt etwa 10 Kilometer von der italienischen Riviera und etwa 25 Kilometer von der französischen Grenze mit Italien entfernt. Der Weg zur bergigen Ortschaft in der Region Imperia ist schmal und steil, wie viele der Dörfer in der Umgebung. Wenn man Seborga betritt, werden die Besucher erstmals mit einem großen Willkommens-Schild in vier verschiedenen Sprachen begrüßt. An der “Grenze” zu Seborga steht ebenfalls ein Wachposten, der meist jedoch nicht besetzt ist. Ein weiterer steiler Spaziergang führt in die Mitte des sehr kleinen Dorfes: Bemerkenswert schon beim diesem Weg dass fast alle Häuser mit einer hellblau-weißen Fahne dekoriert sind. Das Fürstentum tritt intern auf jeden Fall mit aggressivem Marketing auf.

Als ich hörte, dass sich ein Dorf dieser Größe sich von Italien unabhängig erklärte, was schließlich eines der größten Länder Europas ist, musste ich es mit eigenen Augen sehen. Im Zentrum von Seborga angekommen, heißt eine ältere Dame mich lächelnd im örtlichen Souvenirladen willkommen. Das Geschäft verkauft die klassischen Goodies, die man in jedem Land bekommen würde: Kapuzenpullis, T-Shirts, Postkarten und natürlich Bilder des geliebten Monarchen. Für Anhänger von Monarchien übt Seborga sicherlich einen unkonventionelleren Regierungsstil aus: Der Fürst der Seborganer wird von den Bürgern für einen Zeitraum von sieben Jahren gewählt. Jeder über 30-jährige der im Dorf wohnt und in der Lage ist, Italienisch zu sprechen, darf an der Wahl teilnehmen. Da diese Sezessionisten ihre eigene ID und Pässe drucken, können die Bürger auch aus dem Ausland abstimmen; aber auch Nicht-Bürger, also “reguläre Italiener” dürfen an der Wahl teilnehmen.

Seborga produziert ebenfalls eine eigene Währung, den Luigino, der moment auf 6 US-Dollar bewertet wird, was die Einwohner dazu veranlasst, ihn “die wertvollste Währung der Welt” zu taufen. Gekauft werden die Münzen schlussendlich doch mehr von Touristen als Sammlerstücke.

Maria Carmela Serra, die Sekretärin des zweiten Prinzen von Seborga, Marcello der Erste, die gleichzeitig den Souvenirshop betreibt, sprach sehr aufgeregt und in einem ausgezeichneten Franzosen, den ich hinzufügen könnte über das Fürstentum. “Wir sind keine Witz-Nation, wir haben eine weitreichende Geschichte, die Hunderte von Jahren zurückgeht!”

Und tatsächlich ist das Fürstentum Seborga keine Erfindung von gestern: im 18. Jahrhundert wurde das Dorf an die Savoy-Dynastie verkauft und niemals einer Nation durch den Wiener Kongress oder der Vereinigung Italiens zugeschrieben. Mit damals weniger als 300 Einwohnern hatte die großen Staaten Europa das Dorf ganz einfach vergessen. Aus diesem Grund behaupten die Seborganer, dass ihr Dorf die Unabhängigkeit beansprucht habe, weil es niemals ein Teil Italiens gewesen sei. “Schauen sie sich Monaco an”, sagt Maria, “das ist doch bloß eine Gruppe von Piraten. Wir haben von niemandem gestohlen und wollen einfach nur unsere Unabhängigkeit!” Vor Jahren hätte eine italienische Senatorin dem Prinzen versprochen dass Seborga ein Zollfreigebiet werden könnte, solange italienische Gesetze dort weiter eingehalten werden würden. Dies hätte die Möglichkeit beinhaltet, Unternehmen in das Dorf zu locken. Daran interessierten sich die Einwohner allerdings wenig: Das Angebot wurde abgelehnt, Seborga und seine Einwohner wollen die Unabhängigkeit.

Nach einem leckeren Essen in einem lokalen Restaurant, indem man gnadenvoll meine Fremdwährung, den Euro, akzeptierte, wanderte ich durch die engen Gassen des Dorfes. Der Ort ist auf jeden Fall für Touristen bereit: Bed & Breakfasts, Touristenprospekte für die Sehenswürdigkeiten und Aussichtsposten, alles ist bereit für die Besucher der unabhängigen Nation zu sein. Den Prinzen konnte ich am selben Tag leider nicht antreffen, da er “ausser Lande” war, doch Marcello der Erste beantwortete bereitwillig meine Fragen via Email.

In seinen Antworten ist wirkt der Prinz pragmatisch und doch ernst. Für sehr realistisch hält er die Unabgängigkeit Seborgas auf kurze Sicht nicht. Auf lange Sicht jedoch bleibt Marcello I. zuversichtlich: “Wir entsenden diplomatische Vertreter in viele verschiedene Länder und werben für unser Fürstentum. Natürlich erkennen andere Staaten uns nicht an, aber man begegnet uns immer mit Respekt.” Mit anderen Unabhängigkeitsbewegungen hätte man momentan keinen Kontakt, doch Seborga würde darüber nachdenken der UNPO, der Organisation für repräsentierte Staaten und Völker, beizutreten.

Einen Besuch ist das kleine Seborga bei der Durchfahrt in Ligurien auf jeden Fall wert. Die pittoresken Landschaften, die zahlreichen Olivenbäume und die außerordentlich gastfreundlichen Menschen gehören auf jeden Fall zu Italienreisen dazu, und machen Seborga zum touristischen Geheimtipp. Je nachdem wen man fragt, kann man dann sogar behaupten man hätte ein neues Land besucht. Nur Rom darf man das nicht sagen.


Pictures are Creative Commons.

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About Bill Wirtz

My name is Bill, I'm from Luxembourg and I write about the virtues of a free society. I favour individual and economic freedom and I believe in the capabilities people can develop when they have to take their own responsibilities.

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