Voltaires Ausdauer

Als Kammerpräsident Mars Di Bartolomeo im Neujahrsinterview von Chamber TV behauptete dass Anonymität im Internet nicht wirklich das Gelbe vom Ei sei, da man zu seiner Meinung mit einem Nahmen stehen sollte und heutzutage nur die Shitstorm-Kultur davon profitierte, war ich nicht ganz überzeugt. Dass jeder im Internet seine Meinung zu alles und jedem verkünden kann bewerte ich nicht negativ, denn noch lange nicht jeder ist bereit die eigene politische Meinung mit dem Alltagsumfeld in Konfrontation zu bringen.

Es scheint allerdings nunmehr erschreckend, ist doch die politische Diskussionskultur in Luxemburg die der Desinformation und der Großbuchstaben geworden. Ohne Präferenzen für gewisse Parteien oder Ideologien wird ohne Pause, öfters mit Rückgriff auf Xenophobie, Homophobie und derartigem, gegen alles und jeden gehetzt, und das meistens – um es dezent auszudrücken – faktenneutral. Besonders der Fakt dass eine keineswegs eine ausschließlich junge Leitkultur ist, darf doch sehr beunruhigen. Denn während Reaktionen im Onlineportal von RTL die intellektuelle Untergrenze erreichen und die Facebook Kommentarfunktion unter Eldoradio Nachrichten das Frustventil aufgestauter (öfters „nationaler“) Wertevorstellungen werden, schafft sich die Gesellschaft die politischen Spiegelbilder. Welche Erwartungen dürfen wir noch an die Politik stellen wenn wir selbst eine Kultur von Beleidigungen und Reaktionismus betreiben, hervorgerufen durch tendenziöse Überschriften und Push-Up Nachrichten, allesamt mit immer weniger Informationen?

Wieder einmal erkennt man die negative Seite des apolitischen Schulwesens. Wir lernen was Demokratie ist, doch nicht wie wir sie handhaben, das heißt welche Rolle wir in ihr spielen. Demokratie heißt dass Legitimität über Wahlen hergestellt wird und Demokratie heißt, die Kraft des Arguments anzuwenden. Wenn das was wir gerade erleben die Zukunft der politischen Überzeugungsstrategie ist, dann wird in den nächsten Jahren vom geordneten Parlamentarismus wenig übrig bleiben.

Um dem entgegen zu wirken braucht es politische Bildung in den Schulen, die das oberflächliche Erlernen der Institutionen übersteigt. Des Weiteren braucht es Kurse für Medienkompetenz, wobei die Vermittlung noch vor der Zielorientierung stehen sollte, so dass Medienkunde und die durch Medienkritik angestoßene Reflexionen über die Gesellschaft Priorität würden. So würden manche vielleicht doch zur Schlussfolgerung kommen dass sie wohl differenziert hätten, hätten sie den Artikel zu Ende gelesen, oder zumindest bis in die Hälfte… oder weiter als der Bildtext.

Je ne partage pas vos idées mais je me battrai pour vous puissiez les exprimer“.

Natürlich darf man niemanden verbieten das Gespräch vom Stammtisch in populäre Internetplattformen zu tragen, ich rate allerdings vom regelmäßigen Konsum derselben ab, sollte man den Idealismus einer solchen Aussage bewahren wollen. Man bräuchte Voltaires Ausdauer…


Dieser Artikel wurde am 20/01/2014 im Lëtzebuerger Journal veröffentlicht.

About Bill Wirtz

My name is Bill, I'm from Luxembourg and I write about the virtues of a free society. I favour individual and economic freedom and I believe in the capabilities people can develop when they have to take their own responsibilities.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s